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Hypo-Wahrnehmungs-störungen

Experten-Tipps

© Markus Bormann - Fotolia.com

Dr. med. Dorothea Reichert ist Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologin in Landau/Pfalz

Frau Dr. Reichert, wenn mir die typischen Anzeichen wie Schwitzen und Zittern fehlen– habe ich dann überhaupt noch eine Chance, die Unterzuckerung rechtzeitig wahrzunehmen?
Dr. Dorothea Reichert: Ja, denn Ihr Gehirn sendet eindeutige Signale aus – Sie müssen nur lernen, diese bewusst wahrzunehmen. Bei einer Unterzuckerung finden zwei Reaktionen statt. Die eine ist die Angstreaktion: Der Körper bemerkt, dass sich eine gefährliche Situation anbahnt, und schüttet Stresshormone aus. Als hormonelle Antwort stellen sich Zittern oder Schwitzen ein – typische Symptome, die man kennt. Es findet aber noch eine zweite, neutropene Reaktion statt: Das Gehirn reagiert auf den Zuckermagel mit Unkonzentriertheit, Fahrigkeit, Verwirrtheit, Aggressivität und eventuell Doppeltsehen. Auch darauf kann man achten.

Wie kommt es, dass die klassischen Anzeichen einer Unterzuckerung verschwinden?
Dr. Reichert: Das Verschwinden wird dem Körper über einen längeren Zeitraum antrainiert. Dies ist eine Abwärtsspirale: Sie beginnt damit, dass Sie die Anzeichen ignorieren – bewusst oder unbewusst. Vielleicht, weil Sie denken, dass Sie gerade keine Zeit haben. Oder im Gespräch mit dem Chef sind, vor dem Sie keinen Traubenzucker essen möchten. Es gibt immer wieder Gründe, sich gerade in dem Moment nicht um die Unterzuckerung zu kümmern. Wenn sich das häufiger wiederholt, gewöhnt sich der Körper mit der Zeit an den Zuckermangel. Die hormonelle Antwort, also das Schwitzen und Zittern, wird nach hinten verschoben. Irgendwann werden Sie nichts mehr von diesen Angstsymptomen spüren. Was aber trotzdem bleibt, ist die Reaktion des Gehirns, die ich am Anfang beschrieben habe.

Welche Lösung gibt es, damit die Unterzuckerungen wieder besser wahrgenommen werden?
Dr. Reichert: Das lässt sich jederzeit trainieren, wenn man will, und zwar mit gutem Erfolg. Dafür hat die Diabetes Akademie Bad Mergentheim das Hypos-Schulungsprogramm zertifiziert. Es wird inzwischen deutschlandweit in Arztpraxen angeboten. In unserer Praxis findet es alle drei Monate statt. Für die Schulung sind fünf Termine à 90 Minuten angesetzt. Dazwischen gibt es Hausaufgaben, die aber freiwillig sind. Zum Schulungskonzept gehören Arbeitsblätter, Schablonen und ein Tagebuch, mit denen sich sehr schön arbeiten lässt. Bei jeder Schulung sind vier bis sechs Patienten in der Gruppe dabei. Das ist ganz wichtig, denn lernen können und sollen die Teilnehmer auch aus der Erfahrung anderer. Die Betroffenen merken schnell: Hier bin ich mit meinen Problemen nicht allein, und sind gerne bereit, sich zu öffnen.

Was genau wird bei der Hypos-Schulung trainiert?
Dr. Reichert: Neben der Wiederholung von Wissen über Diabetes steht vor allem Verhaltenstraining im Vordergrund. Die Teilnehmer werden angeleitet, charakteristische Symptome einer Unterzuckerung bei sich ganz bewusst wahrzunehmen. Wer die kennt, hat schon halb gewonnen. Dann geht es darum, Handlungen einzuüben. Wichtigster Grundsatz: Erst essen, dann messen. Und das sofort, wenn ich eine Unterzuckerung spüre. Es nicht mehr herausschieben. Klotzen statt kleckern, um erst einmal aus dem Tief herauszukommen. Man kann lernen, sich so darauf vorzubereiten, dass man seine Arbeit dafür nicht mehr unterbrechen muss. Außerdem werden typische Situationen analysiert, in denen Unterzuckerungen immer wieder vorkommen. Zum Beispiel bei einer Feier, wenn man sich mehrmals am Buffet bedient und dazu noch Alkohol trinkt. Oder nach einem ausgeprägten Sportevent. In der Schulung überlegen wir gemeinsam ein Sicherheitssystem, das man bei solchen Gelegenheiten einbauen kann. Ganz wichtig ist es auch, sich die Wirkprofile der Insuline vor Augen zu führen. Wir arbeiten intensiv mit Insulinkurven. Dass sich Insulingaben überlappen, ist ein wichtiger Grund für Unterzuckerungen.

Kategorie: Folgeerkrankungen

Schlagwörter: Diabetesrisiko | Hypoglykämie | Unterzuckerung

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