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Fett und Eiweiß extra berechnen

Experten antworten

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Sabine Carstensen, M.Sc. (Master of Science) Diabetes Care, Bremen.

In der Diabetesschulung habe ich gelernt, dass Kohlenhydrate angerechnet werden, Fett und Eiweiß dagegen nicht. Warum sollte ich umdenken?
Carstensen: Viele meiner Patienten beobachten, dass ihr Blutzucker nach Mahlzeiten mit vielen Kohlenhydraten, Fett und Eiweiß, zum Beispiel Pizza, regelmäßig später zu hoch ist, selbst wenn sie den Bolus gesplittet haben. Auch wenn ihre Mahlzeit nur Fett und Eiweiß enthält, sie zum Beispiel nur ein Steak essen, steigt ihr Blutzucker an. Diese Erfahrung werden viele der Leser sicher selbst schon gemacht haben. Tagsüber fällt das weniger auf, weil man ohnehin laufend isst und Insulin spritzt. Wer abends zum Grillen eingeladen ist, beobachtet jedoch häufig morgens einen hohen Wert und kann sich diesen nicht erklären. Die wenigsten führen das auf die Mahlzeit am Abend zurück, tatsächlich kann aber genau hier das Problem liegen.

Das bedeutet, nicht nur für Kohlenhydrate muss Insulin gespritzt werden, sondern auch für Fett und Eiweiß?
Carstensen: Viele Untersuchungen weisen inzwischen darauf hin, ja. Auch im Rahmen meiner Abschlussarbeit im Masterstudiengang Diabetes Care, die sich mit dem Einfluss von Abendmahlzeiten mit komplexer Nährstoffzusammensetzung auf die nächtlichen Glukoseverläufe von Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 auseinandersetzt, komme ich zu diesem Resultat. Wer Fett und Eiweiß mit berücksichtigt, kann eine bessere Blutzuckereinstellung erreichen. Entsprechende Ergebnisse liegen inzwischen auch aus anderen Studien mit Insulinpumpen-Trägern vor. Dennoch sind weitere Studien erforderlich, die eine allgemeine Übertragung in den Lebensalltag von Menschen mit Typ- 1-Diabetes untersuchen.

Wenn ich Fett und Eiweiß zusätzlich berechnen will, wie gehe ich hier vor?
Carstensen: In meiner Untersuchung habe ich ein Konzept angewandt, bei dem in Fett-Protein-Einheiten (FPE) gerechnet wird. Danach entsprechen 100 Kilokalorien aus Fett und Eiweiß einer Fett-Protein- Einheit (FPE). Für eine FPE wird genauso viel Insulin abgegeben wie für eine Kohlenhydrateinheit (KE). Dabei wird der Bolus gesplittet: Man gibt vor der Mahlzeit das Insulin für die Kohlenhydrate ab, und das Insulin für Fett und Eiweiß wird je nach Menge auf 3-8 Stunden verzögert. Nehmen wir als Beispiel die Pizza von Seite 21. Sie enthält 7,9 KE. Bei einem KE-Faktor von 1 I.E. wären das rund 8 Einheiten Insulin, die man vor der Mahlzeit abgibt. Die Pizza enthält 420 Kilokalorien aus Fett und Eiweiß, dies entspricht 4,2 FPE. Mit einer Verzögerung von 8 Stunden würde man zusätzlich 4 Einheiten Insulin abgeben.

Klingt kompliziert.
Carstensen: Die Patienten, die in meiner Studie mit FPE gearbeitet haben, fanden das nicht. Vor allem wer gerne und regelmäßig abends warm isst, kann damit seine Blutzuckereinstellung verbessern. Es ist gar nicht selten, dass Patienten aus dem Gefühl bzw. ihrer Erfahrung heraus bei Mahlzeiten mit viel Fett und Eiweiß zusätzliches Insulin spritzen und damit gut ankommen. Sie wissen nur nicht, warum. Wenn man ihnen die FPE erklärt, dann stellt sich nicht selten ein Aha-Effekt ein: Habe ich schon gemacht, ohne dass mir der logische Grund dafür bewusst war.

Werden wir in Zukunft in der Diabetestherapie also mit FPE, statt nur mit BE bzw. KE rechnen?
Carstensen: Das bleibt abzuwarten. Sicherlich erfordert es ein Umdenken, auch bei den Schulenden. BE- bzw. KE-Faktoren müssten in jedem Fall angepasst werden. Die Patienten ihrerseits müssen bereit sein, sich einzuarbeiten. Wichtig wäre es aus meiner Sicht auch, Basal- und Mahlzeiteninsulin klarer zu trennen, als dies heute in vielen Fällen passiert. Basalinsulin sollte nur für die Deckung des Grundbedarfs eingesetzt werden, nicht zur Abdeckung von Mahlzeiten.

Kategorie: Nährwerte berechnen

Schlagwörter: Eiweiß | Fett-Protein-Einheit | Fette | Kohlenhydrate | Nährwerte

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