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Ungesunde Verlockungen überall

(K)ein einheitliches europäisches Label?
Agenturfoto. Mit Model gestellt. ©iStock.com/AndreyPopov

Eine Lebensmittelumgebung ist zunächst die physische Präsenz von Lebensmitteln, die sich auf die Ernährung einer Person auswirkt. In einer „giftigen“ Lebensmittelumgebung ist es zu schwierig, sich für gesunde Lebensmittel zu entscheiden, und zu einfach, zu ungesunden zu greifen. Als giftig wird sie bezeichnet, weil sie die beispiellose Verfügbarkeit kalorien- und fettreicher, stark vermarkteter, kostengünstiger und leicht zugänglicher Lebensmittel beschreiben soll. Geprägt wurde der Begriff von Kelly D. Brownell in seinem Buch „Food Fight: The Inside Story of the Food Industry“ (Lebensmittel- Kampf: Die Insider-Geschichte der Lebensmittelindustrie). Der ehemalige Yale- Professor leitet heute das World Food Policy Center der Sanford School of Public Policy an der Duke University. „Essen“, sagt auch Hans Hauner, „ist ein komplexer, emotionaler und impulsiver Prozess, der von äußeren Einflüssen abhängt und leicht manipulierbar ist. Das Angebot an Lebensmitteln, die ständige Verfügbarkeit und auch die Werbung sind starke systemische Treiber für Fehl- und Überernährung und fördern die weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten – an erster Stelle Adipositas.“ Der Handlungsbedarf, so der Mediziner, sei groß und längst überfällig. Denn – so lässt sich zunehmend belegen – ungünstige Ernährungsfaktoren gelten als Risikofaktor Nr. 1 für die Krankheitslast der Bevölkerung.

Ernährung als Risikofaktor
In den 1990er Jahren hat die Harvard School of Public Health gemeinsam mit der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Konzept entwickelt, das den vorzeitigen Sterbefall und Gesundheitsverlust aufgrund von Krankheiten, Verletzungen und Risikofaktoren für alle Regionen der Welt beschreiben soll: Burden of Disease. Eine aktuelle Auswertung der Global Burden of Disease Studie ergab, dass im Jahr 2017 rund 22 Prozent aller Todesfälle durch Ernährungsfaktoren erklärt werden können. Für Deutschland wird dieser Anteil auf 18,5 Prozent geschätzt. Dabei handelt es sich überwiegend um Herz- Kreislauf-Krankheiten, aber auch um Krebs und Typ-2-Diabetes (GBD, 2019).

All das, kritisiert Hans Hauner, werde hierzulande völlig ignoriert – sowohl im Gesundheitssystem, wie auch im gesellschaftlichen Leben. Zahlreiche andere Länder seien bereits viel weiter als Deutschland. „Es geht nicht darum, etwas zu verbieten“, so Hans Hauner, „sondern darum, die gesunde Wahl leichter zu machen. Und es ist an der Zeit, regulatorisch einzugreifen.“ Wenn es nach dem Ernährungsmediziner ginge, hätten wir längst nicht nur eine verständliche Nährwertkennzeichnung, sondern auch Warnhinweise, die auf zu viel Zucker und Fett hindeuten. Auch ein Verbot von gezielt an Kinder gerichteter Werbung für Süßwaren- und Softdrinks wäre im Sinne des Ernährungswissenschaftlers. Darüber hinaus setzt Hauner sich für eine vernünftige Besteuerung von Lebensmitteln ein und fordert zudem eine Zuckersteuer. Obst und Gemüse, so der Experte, müssten steuerfrei zu haben sein, während ungesunde Genussmittel höher besteuert werden sollten. Tatsächlich wird die Liste aller Länder, in denen es eine Zuckersteuer gibt, immer länger. Deutschland – maßgeblich unser Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft – lehnt diese ab. Es stehe dem Staat nicht zu, Bürger mit einer Zuckersteuer zu bevormunden, heißt es. Richtig ist, dass es in der Verantwortung jedes einzelnen Menschen liegt, sich gesund zu ernähren. Zugleich hat ein jeder aber das Recht auf Schutz, Information und Aufklärung darüber, was er genau zu sich nimmt. Und zwar direkt auf dem jeweiligen Produkt und so, dass es auch ein Kind intuitiv verstehen kann.

Kategorie: Nährwerte berechnen

Schlagwörter: Ernährung | Lebensmittel | Nährwertangabe | Unterwegs

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